Jugendarbeit ja, aber wie?

„Zum Schluss der Pilotphase wurde eine gründliche Evaluation der ursprünglichen Ziele, inklusive Befragung von Schlüsselpersonen und Jugendlichen durchgeführt.“  (Dorfblättli Birrwil Nr. 11/ November 2017, 41. Jahrgang)

Vertrauensvoll gehe ich als Stimmbürger davon aus, dass der dreijährige Probebetrieb der Jugendarbeit, der die Gemeinde insgesamt Fr. 70’000.- kostete, von externer und unabhängiger Seite gründlich evaluiert wurde und nicht von den für die Jugendarbeit zuständigen Personen selbst. Insofern hätten alle Berbuer Jugendliche, welche das Angebot nutzten – aber auch diejenigen, welche das Angebot nicht nutzten – systematisch befragt werden sollen. Dem war aber nachweislich nicht so!

Mich stören Aussagen wie, dem Schlussbericht der Pilotphase sei zu entnehmen, dass das Bedürfnis vorhanden sei, die Jugendarbeit weiterzuführen.

  • Wieviele Berbuer Jugendliche haben dieses Bedürfnis?

Mich stören Aussagen wie, auf schulischer Ebene hätten die Berbuer und Böjuer bereits Kontakt zueinander. Fakt ist, dass alle Böjuer und Berbuer seit 2014 nach Reinach in die Oberstufe müssen und die Durchmischung des sozialen Umfeldes Gleichaltriger an der Kreisschule Homberg* damit nur zu einem geringen Teil mit Beinwil am See zu tun hat.

Mich stören aber auch Aussagen, dass beide Gemeinden als gleichberechtigte Partner auftreten!

  • Weshalb findet die Jugendarbeit in den wichtigsten Punkten ihrer Tätigkeit hauptsächlich in Beinwil am See statt?

Die fixe wöchentliche Anlaufstelle befindet sich in Beinwil am See, ebenfalls ist die monatliche Jugendbar in Beinwil am See.

  • Wieviele Berbuer Jugendliche nutzten je die Anlaufstelle in Beinwil am See?
  • Wieviele Berbuer Jugendliche waren je im Container in Beinwil am See?

Dies sind die teuersten Fixpunkte der Jugendarbeit. Dass sich ein Berbuer Jugendlicher, welcher sich in einer schwierigen Lebensphase befindet, an die Anlaufstelle in Beinwil am See wendet, ist bei allem Respekt äusserst unwahrscheinlich. Die Hemmschwelle, erst dorthin mit dem Velo fahren zu müssen, ist einfach zu gross. …und auch die Möglichkeit, die Jugendarbeiterin anzurufen, bräuchte mehr regelmässige Beziehungsarbeit auf Birrwiler Boden.

Die in Birrwil durchgeführten offenen Turnhallen, der gemietete Skaterpark oder die Begleitung der Jugendarbeiterin der Schülerreise der Primarschule, des Kerzensziehens oder der Erzählnacht kann nicht den Kostenbeitrag von Fr. 70’000.- oder der zukünftig jährlichen Fr. 21’250.- rechtfertigen. Das meiste Geld des Berbuer Anteils an die Jugendarbeit fliesst in die Infrastruktur und Angebote nach Beinwil am See und bleibt nicht in Birrwil.

… und damit mich ja niemand falsch versteht. Ich habe selbst an diversen Schulen Präventionsarbeit Jugendlicher aufgebaut, Konzepte zur Förderung der Freizeit und sozialen Integration entwickelt und an internationalen Kongressen darüber referiert.

Ich bin überzeugt, dass Jugendarbeit im Rahmen einer Prävention und stillen Begleitung definitiv zielführend und sinnvoll ist.

Die aktuelle Variante passt aber definitiv nicht zur Berbuer Jugendlandschaft der 12 – 15-jährigen. Es ist eher der irrtümliche Versuch, ein städtisches Konzept für den ländlichen Raum zu adaptieren. Von einem Projekt in dieser Preisklasse hätte ich für Birrwil ein wenig mehr Kreativität in den Hauptaufgaben der Jugendarbeit erwartet.

Die Berbuer Zielgruppe der 12 – 15-jährigen besteht aus rund 20 Jugendlichen. Pro Kopf stehen also Fr. 1000.- zur Verfügung. Gemäss Evaluation haben 24% die Angebote der letzten drei Jahre genutzt (5 Jugendliche). Für diese 5 standen also die letzten 3 Jahre Fr. 14’000.- pro Kopf zur Verfügung ohne den Beitrag des Kantons dazu zurechnen.


Variante zum aktuellen Konzept
Die Jugendarbeit wird von derjenigen in Beinwil am See losgelöst. Die Fr. 21’250.- entsprechen einer Anstellung von rund 10h pro Woche. Die Jugendarbeiterin wird für 4h pro Woche angestellt und ist nur noch für Birrwil tätig. So wäre eine sehr komfortable fixe Anlaufstelle für die Berbuer Jugend auf eigenem Boden geschaffen. Von den Fr. 21’250.- bleiben dann noch Fr. 12’750 Franken übrig, welche für Veranstaltungen, Infrastruktur, Raummieten und so weiter eingesetzt werden könnten. Mit einer ständigen Präsenz einer Jugendarbeiterin in Birrwil, würden unsere Jugendlichen direkt und unmittelbar betreut.


So wie die Beinwiler Gemeinderätin Jacqueline Widmer die Beinwiler Jugendlichen in Beinwil behalten** möchte, möchten auch wir Berbuer die Birrwiler Jugendlichen in Birrwil behalten und nicht nach Beinwil schicken.

Die Wirkung jeglicher primärer Prävention erhöht sich schliesslich mit einem einfachen, regelmässigen und gut zugänglichen Angebot für die Berbuer Jugendlichen.

*In Reinach befinden sich alle Oberstufen-Klassen der Real-, Sekundar- und Bezirkschulen der Gemeinden Reinach, Gontenschwil, Zetzwil, Leimbach, Beinwil am See und Birrwil.

**https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/lenzburg/der-oeffentliche-raum-gehoert-auch-der-jugend-128342528

6 Gedanken zu “Jugendarbeit ja, aber wie?

  1. Die Gemeindeversammlung hat der definitiven Einführung der Jugendarbeit Beinwil a.S. – Birrwil mit grosser Mehrheit zugestimmt. Konkrete Kritik ausser an den Kosten gab es an der Versammlung wenig, diskutiert wurde aber doch recht munter. Ich finde es immer interessant zu sehen, welche Summen unkommentiert und ohne Diskussion „verbaut“ werden (bei der Böjuer GV war das noch einiger imposanter), und welche Kontroversen dann beim Thema Jugend geführt werden.

    Sowohl bei der Jugendarbeiterin wie auch bei der Jugendkommission findet ihr offene Ohren für Feedback, Kritik & Wünsche – sehr gerne auch im direkten Austausch und nicht nur vor der Abstimmung.

    @Isabell: Einblick in den Leistungsvereinbarung kann man natürlich auf Anfrage bei der Gemeinde erhalten. Oder ich kann auch anfragen und dir diese dann auch noch erläutern, wenn du das wünschst.
    Gerne schicke ich dir bei Interesse den ganzen Schlussbericht der Pilotphase – dort spiegelt sich natürlich die Vereinbarung plus du hast auch die Auswertung davon, was in den drei Jahren gemacht wurde. Lmk.
    Wegen den Kosten, es handelt sich ja auch um eine 50%-Stelle mit einem beachtlichen Projektbudget, das direkt den Jugendlichen zugute kommt (~6’000 Fr. jährlich).

    @Alex: Ich finde die anderen interessanten Voten im Protokoll nicht. Und könnte es sein, dass es da noch einen Fehler hat und der Kästli Philipp eigentlich Lang Pius war? Denn genau derselbe Punkt wurde von diesem an der vorgängigen Infoveranstaltung zum Projekt vorgebracht.
    Ein Treffangebot in Birrwil wurde praktisch an jeder Kommissionssitzung, an der ich war, wieder diskutiert. Warum das bisher nicht umgesetzt wurde:
    – kein geeigneter Raum (Jedesmal z.B. das Vereinslokal einrichten und wieder abräumen macht vom Aufwand her keinen Sinn. Ein Treff muss auch von den Jugendlichen angeeignet u. gestaltet werden können.)
    – zu wenig Jugendliche damit es „fägt“ – wenn 10% kommen (und das wäre viel für ein freiwilliges Angebot) wären es in Birrwil also 3-4 Jugendliche. Und wie die Böjuer nach Berbu locken?
    – Events und Projekte sind bei den Jugendlichen höher im Kurs als ein weiteres Treffangebot
    Ich versuche bei meiner Mitarbeit in der Kommission das Maximum für die Jugend und für die Birrwiler Jugendlichen herauszuholen. Ich finde momentan wäre der Aufbau eines Treffangebots in Birrwil nicht sinnvoll, da dafür dann andere Angebote nicht realisiert werden können. Dass mehr Projekte u. Events in Birrwil stattfinden, dafür setze ich mich aber ein!

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  2. Geschätzter Alex

    Danke für Deinen Beitrag über die Jugendarbeit in Birrwil. Grundsätzlich ist die Jugendarbeit ein wertvolles Angebot für Jugendliche zwischen 12- 16 Jahren. Fakt ist allerdings, dass die Infrastruktur mit Jugendbar und Container in Beinwil sind und wir auch dementsprechend dorthin investieren.

    Eine Möglichkeit wäre den Container in Birrwil aufzustellen, somit wäre nebst der „Offenen Turnhalle“, der mobilen Skateanlage und dem Jugendmobil ein fester Treffpunkt in Birrwil geschaffen.

    Mich würde die Leistungsvereinbarung der Zusammenarbeit interessieren. Was genau wurde vereinbart? Mir scheinen die Kosten mit Fr. 21‘250.- jährlich hoch und man sollte da noch mal über die Bücher gehen.

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  3. Persönlich finde ich es sehr schade, dass die guten Ideen, welche 2014 an der Gemeindeversammlung angedacht waren, nicht allesamt umgesetzt wurden.
    So wurde der Bevölkerung durch Martin Wernli, eh. Gemeinderat, und durch Arsène Perroud, Geschäftsführer des Vereins Jugend und Freizeit, folgendes versprochen:
    „Als fixer Treffpunkt für die Jugendlichen wird jedoch der bestehende Jugendtreff in Beinwil am See weiterhin betrieben. In Birrwil soll ein regelmässiges Treffpunktangebot für die Jugendlichen installiert werden. Dazu werden bestehende Räumlichkeiten in der Gemeinde genutzt.“ (Protokoll der Gemeindeversammung, 28.11.2014)
    Die Umsetzung dieses Versprechens, ist genau ein Teil dessen, was ich in meinem Blogbeitrag vorschlage und auch gutheissen würde!
    Ich bin kein Fan von einer „Mit Speck fängt man Mäuse!“-Strategie. Wer damals zustimmte, tat dies aus der Überzeugung heraus, dass alles was erwähnt wurde, auch umgesetzt wird oder zumindest versucht wird, umzusetzen.
    Im Protokoll sind auch noch andere interessante Voten der damals Anwesenden zu entnehmen.
    http://cms3-birrwil.backslash.ch/documents/P20141128_EWG.pdf

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  4. Wie auf Facebook geschrieben, finde ich es grundsätzlich super, dass die Jugendförderung in der Gemeinde diskutiert wird. Aber die meisten Argumentationen im Artikel greifen nicht und der Zeitpunkt ist meines Erachtens etwas ungeschickt – schöner wäre gewesen, man hätte sich schon während der Pilotphase eingebracht …
    Hier mein Senf zu ein paar Punkten:

    – die 24%
    Da hat’s ein Fehler in der Gemeindepublikation. Nicht 24% der Berbuer haben schon die Angebote genutzt sondern 24% der Nutzenden der letzten 3 Jahre waren aus Birrwil. Der Anteil der Teilnehmenden aus Birrwil entspricht also etwa der statistischen Verteilung der Jugendlichen Beinwil/Birrwil. Was ich recht beeindruckend finde dafür, dass das Gros der Events ja in Beinwil stattfindet.

    – nur Birrwil
    Es sind wohl knapp 35 (und nicht 20) Jugendliche im Alter von 12-16 in Birrwil, aber diese bilden noch keine genügend grosse kritische Masse, um einen lebendigen offenen Treff zu gestalten. Die Zusammenarbeit mit Böju macht Sinn, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch um eine kritische Grösse der Zielgruppe zu erreichen.
    Die Idee einer 10% Stelle – es ist quasi unmöglich, für eine solche eine Fachperson zu finden. Die Stelle müsste auch noch konzipiert & ausgeschrieben werden, eine Person angestellt & geführt werden (ca. alle 2 Jahre wieder). Wer würde das dann machen?

    – Evaluation
    Die Evaluation wurde von der Jugendarbeiterin und der fachlichen Begleitung in Wohlen erarbeitet und von der Jugendkommission begleitet und abgenommen. Du weisst selber, dass eine komplett externe Evaluation unverhältnismässig teuer gewesen wäre.

    Ich persönlich finde die Zusammenarbeit mit Beinwil a. See ist ein super Deal für Birrwil. Und ich kann das sowohl als ehemaliger Jugendlicher in Birrwil, als frischgebackener Vater und auch als Fachperson (bin ja selbst Jugendarbeiter) sagen.

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  5. Lieber Alex, ich weiss nicht, wie Du auf diese Zahlen kommst – ich kenne persönlich mehr Kinder, welche die Angebote der Jugendarbeit nutzen, als die zitierte Umfrage erwähnt (und meine Kinder wurden auch nie befragt). Die Kinder finden, die Jugendarbeit sei sehr präsent in Birrwil – neben den offenen Turnhallen auch an allen möglichen Veranstaltungen (gerade eben diesen Freitag und Samstag mit dem Kerzenziehen; auch die Bänkligeschichten der Schule und die zugehörige App wurde zusammen mit der Jugendarbeit realisiert). Das Material – Töggelikasten, Spiele, Anhänger mit Chillecke etc. kommt jeweils mit und wird so sicher sinnvoller benutzt, als wenn es doppelt angeschafft würde.
    Natürlich besuchen meine Kinder die Berbuer Veranstaltungen häufiger als die Böjuer, aber gelegentlich sind sie auch dort – genauso wie auch Böjuer Kinder an die Berbuer offenen Turnhallen kommen. Und die dabei entstehenden Bekanntschaften sind eine gute Vorbereitung für die Oberstufe. Wie natürlich auch andere Aktivitäten, wo man Kinder über den Gartenzaun hinaus kennenlernt, wie zum Beispiel der FC. Da hat meines Wissens auch noch keiner vorgeschlagen, auf Berbuer Separatismus zu machen.
    Also welche Haare Du auch immer in der Suppe siehst: meine Kinder sehen die nicht.

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    • Lieber Philipp, die Gesamtanzahl Jugendlicher zwischen 12 – 15 ist in Birrwil bekannt und kein Geheimnis. Die 24% an Teilnehmenden stehen im Abstimmungsbüchlein zur Gemeindeversammlung. Die Jugendarbeit grundsätzlich kann zwar fachlich gesehen in der Primarschule beginnen, aber ist nicht als Vorbereitung auf die Oberstufe gedacht, sondern eben für Jugendliche im Alter zwischen 12 – 15 Jahren, auch dies steht im Abstimmungsbüchlein. Wir stimmen also nicht über grosszügige Angebote für unsere Primarschulkinder ab, sondern eben spezifisch für sinnvolle Angebote, welche sich an Adoleszente richten.

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